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03.11.2012
08:56

Schulleitung muss leiten können

Antwort auf maik rieckens reflexionen

hallo maik,

ich habe deinen beitrag über "arbeit an strukturen" gerne gelesen und bin fasziniert darüber, wie detailliert du den prozess der veränderung im käfig der krokodile beschreibst: wer sich nicht rührt, wird belohnt.

die anderen beginnen sich reflexiv selbst zu verdauen, ob sie sich jetzt nur noch um ihre wohlfühlblase (im job oder draußen) oder um den wandel (schulrevolution, schule im aufbruch etc.) kümmern sollen oder ob sie vielleicht einen ermutigenden wandel-vorschuss ins system investieren könnten. darüber wird dann philosophiert, sehr sehr lange.

wir sind bald so weit - in 10 jahren

ich habe mal einen schulleiter getroffen, einen phantastischen mann, der mir sprudelnd vor enthusiasmus von seinen ideen für seine gesamtschule berichtet hat – von denen quasi nichts umgesetzt wurde, wie ich bei einem besuch seiner schule feststellen durfte. ich fragte ihn, wieso es z.B. denn keine 90minuten-”blöcke” gebe, in denen man wenigstens ein bisschen “anders lernen” möglich machen könnte. “das lehnen die kollegen ab, aber jetzt sind wir bald so weit – nach zehn Jahren”, sagte er. und: er guckte nicht sehr froh dabei, er sah sehr traurig aus in seinen endfünfzigern, das halbe schulleben schon hinter sicht habend.

jetzt habe ich die antwort auf deine reflektion und die misserfolgs-ketten deiner schaubilder fast gegeben: wieso gibt es eigentlich keine schulleitung, wieso kann man eine schule nicht führen, wieso können sich kollegInnen selbst klitzekleinsten veränderungen widersetzen? ehrlich, ich werde das nie verstehen, und wir brauchen über vieles nicht diskutieren, wenn das nicht konsens ist:

wir brauchen keine rektorendiktatur, nein, aber schulleitung muss leiten können! Punkt.

wir steuern auf eine, nun ja interessante phase zu, genauer sind wir mittendrin. wenn die lehrer ausgehen (weil du kultusminister unfähig zu ausbildung und bekömmlicher einstellung sind), dann gehen auch die rektoren aus, dann haben wir, verdammt, keine steuerzentren für schulentwicklung mehr. dann stromern 30.000 schulen wie treibgut in den demografischen, technologischen und seelischen wellengängen umher, die uns bevorstehen.

mir ist schon klar, dass man gute schule nicht per ordre de mufti bekommt, weil ein kollegium mindestens so wichtig ist wie der spirit einer guten schulleitung; und wir wissen ja nicht mal, ob die schulleitung gut ist. wie stoppt man denn eine schlechte, taube, tumbe?

aber man muss sich mE vergegenwärtigen: entweder wie kriegen jetzt sehr bald handlungsfähige leitungsorgane hin – oder wir gehen unter. genauer: unsere schulen und damit unser schulsystem. oder glaubt ihr, dass die britsyls und rieckens und larbigs und kalts und raus und lammatinis und schaumburgs und wie sie alle heißen die schulen von unten richten werden, wenn sie erstmal – wie einst die heinrich-von-stephan in berlin – am boden liegt?

merci für den anstoß
best
christian füller

ps. weitere ideen und ausführungen hier:

www.freitag.de/autoren/der-freitag/lasst-die-schulen-los
www.freitag.de/autoren/christian-fueller/das-potenzial-einer-demokratischen-selbstreformschule

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03.12.2011
12:07

10 Jahre Pisa: Das Irren und Wirren der Kultusminister

Vor zehn Jahren erschien die erste Pisastudie. Sie zeigte, wo die Bruchstelle des deutschen Schulsystem liegt: Es gibt zu viele Risikoschüler. Aber die Kultusminister haben die Informationen aus Pisa zu allem benutzt – nur nicht zum Steuern. Inzwischen ist in vielen Bereichen das blanke Chaos ausgebrochen: zerplitterte Lehrerbildung, Schulformchaos, Zuständigkeitswirrwar. Die Bürger fliehen aus dem staatlichen Schulsystem

VON CHRISTIAN FÜLLER

(Links zum Originalmanuskript des SPON-Textes vom 2. Dezember Zehn Jahre Wirrwarr und zum Mindmap für das DRadio-Interview mit Peter Kapern)

Pisa war generalstabsmäßig vorbereitet. Am Abend bevor aus Goethe ein Bildungsverlierer wurde, versammelte ein gewisser Andreas Schleicher drei Dutzend Journalisten in Berlin zu einem Seminar in empirischer Bildungsforschung. Zwei Stunden lauschten die Reporter gebannt dem Herrn mit dem rotmelierten Schnäuzer. Sie erschauderten vor den PowerPoint-Seiten, die der Chefstatistiker der OECD an die Wand warf. Die Grafiken und Tabellen waren schön bunt – und zeigten mit mathematischer Präzision den Abstieg einer Kulturnation. Das Leitbild der Deutschen bekam einen neuen Namen: Der Risikoschüler. Kann Texte entziffern, versteht aber nicht, was drin steht.

"Dummkopf!"

Es ist der 3. Dezember 2001. Am Tag darauf stellte die Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit, kurz OECD, das erste „Programme for International Students Assessment“ vor, heute als Pisa-Studie nirgendwo auf der Welt besser bekannt als in Deutschland. Ein Vergleichstest der Schulleistungen 15jähriger Schüler aus aller Welt. Die Neuntklässler im Herzen Europas, die Deutschen, sie schnitten miserabel ab, und die Journalisten sollten eine Nacht drüber schlafen können, ehe sie den Schock verbreiteten: 23,8 Prozent der 15jährigen können nicht sinnvoll lesen; der Abstand zwischen den Leistungen der Schulen - nirgendwo größer als in Deutschland. Die Schere zwischen guten und schlechten Schülern – einer Demokratie nicht würdig. „Dummkopf!“, titelte der Economist. #

Für die Deutschen war Pisa fortan nicht mehr eine Stadt in Italien. Sondern eine Studie, die sie ins untere Mittelfeld auf Platz 22 von getesteten 32 Nationen katapultiert hatte. #

Landschildkröte KMK sprintet

Die andere Seite indessen war mindestens so gut vorbereitet wie die OECD und die Journalisten: Die Kultusminister – das sind die in Deutschland für Schule politisch Verantwortlichen – taten, was ihnen niemand zugetraut hätte. Sie, die man bis dahin ungerügt als griechische Landschildkröten verspotten konnte, ergriffen Notmaßnahmen. Sofort. Jedenfalls fällten sie Beschlüsse, noch bevor die Pisa-Nachricht komplett verstanden worden war. Es waren im wesentlichen drei Beschlüsse, die die „Ständige Konferenz der Kultusminister“ fasste:

* Erstens verabschiedeten die Kultusminister sieben so genannte Handlungsfelder von Kindergarten bis Migranten, von Sprachtests bis Unterrichtsqualität

* Zweitens kündigten die 16 Minister an, dass jetzt sehr fix die Lehrerbildung verbessert werden müsse.

* Und drittens verbaten sich die Kultusminister kategorisch, dass irgendjemand über die Schulformen diskutieren dürfe. Die ideologische Debatte über die dreigliedrige Schule habe keinen Sinn, hieß es. Die weltweit einmalige – von Österreich abgesehen – Dreiteilung junger Bürger im Alter von zehn Jahren auf verschieden gute Schulen, sie durfte kein Grund für das verheerend schlechte deutsche Pisaergebnis sein.#

Differenzielle Lernmilieus

Dabei treibt genau die frühe Sortierung der Schüler mit zehn Jahren in gute, mittlere und schlechte Lerngruppen, also in Gymnasium, Realschule und Hauptschule die Leistungen ihrer Insassen nachweislich auseinander. [Baumert, Jürgen (2006): »Schulstruktur und die Entstehung differenzieller Lern- und Entwicklungsmilieus«. In: Herkunftsbedingte Disparitäten im Bildungswesen Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 95–180)] #

Die Nation akzeptierte die Lektion. Die Schulformen blieben tabu. Noch heute müssen Teilnehmer von Polit-Talkshows im Abendprogramm damit rechnen, dass man sie auffordert: Diskutieren sie, bitte, nicht über die Schulformen! #

Niederschmetternde Sprachtests

Was war mit den anderen Beschlüssen? Die sieben Handlungsfelder erinnert heute kaum noch jemand. Sie betrafen zwar irgendwie die richtigen Punkte. Kindertagesstätten etwa sollten zu Bildungseinrichtungen werden, Migranten besser im Sprachenlernen gefördert werden und so weiter. Allein, das Steuerungswissen, das Pisa angeblich geliefert hatte, es wurde von den 16 Kultusministern immer je anders interpretiert.

Die Sprachtests zum Beispiel hießen in jedem Bundesland anders, Bärenstark, Delfin oder Deutsch+ und sie untersuchten jeweils andere Altersstufen von Kindern. Nur zwei Dinge waren gleich: Diese Ergebnisse Sprachstandserhebungen waren so niederschmetternd, dass die bereitgestellten Millionenbeträge für die frühe Sprachförderung nie ausreichten. Die Minister passten die Lerngelegenheiten also sofort den bereitgestellten Budgets angepasst. Das bedeutet: Nur ein Bruchteil der Sprachlosen bekam effizientes Sprachtraining. #

Chaos Lehrerbildung

Ähnlich verlief es mit der Lehrerbildung. Nach der Studie setzten die Schulminister auf eine erneurte Lehrerbildung. „Dann haben wir ja schon in 30 Jahren bessere Pisaergebnisse“, frotzelte Schleicher. Die Kultusminister rächten sich an dem in Hamburg geborenen Chef der Pisaabteilung der OECD in Paris. Die Minister der deutschen Provinzen erklärten den weltweit geachteten Mister Pisa zur persona non grata – Schleicher durfte eine zeitlang die Pisastudien in seinem Heimatland nicht mehr vorstellen. #

Freilich zeigt sich auf dem Gebiet der Lehrerbildung die ganze Indolenz der Kultusminister: Bis zum Jahr 2020 werden über 400.000 der heute 700.000 LehrerInnen nicht mehr da sein. Genug neue Lehrer aber kann die KMK dank ihrer chaotischen Lehrerbildung gar nicht produzieren. Kein Unternehmen könnte es sich leisten, mehr als die Hölfte seiner Arbeitskraft in den Ruhestand zu schicken ohne neue Leute nachzuziehen – die Kultusminister schaffen das. #

Union zweifelt am Föderalismus

Schleicher ist inzwischen rehabilitiert. Nicht etwa bei den Kultusministern, aber überall im Land. Alle seine Vorhersagen trafen ein: Die Lehrerbildung ist zehn Jahre nach Pisa so wirr, dass selbst Unions-Bildungsexperten sie auf Podien als chaotisch bezeichnen. Und, kaum zu glauben, den Föderalismus infrage zu stellen bereit sind. #

Die Pisaergebnisse haben sich zwar verbessert – aber nur in einzelnen Bundesländern und meistens in der Leistungsspitze. Da, wo das eigentliche Problem für eine demokratische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts sitzt, in den Haupt- und Ghettoschulen, wo sich in den Klassen bis zu 90 Prozent Risikoschüler konzentrieren, geht es nur zäh voran, sehr zäh. #

Nur das Bürgertum begreift die Pisa-Lektion

Das Bürgertum, so lässt es sich zusammen fassen, hat seine Lektion aus Pisa gelernt: Es investiert Milliarden in Nachhilfe, es überwacht mehr oder weniger hysterisch den Unterrichtsbetrieb an Regelschulen – und notfalls flieht es das staatliche Schulchaos einfach. Es gibt nicht den großen Run auf Privatschulen, wie immer verkündet wird. Allerdings zeigen Meinungsbefragungen, dass die Bereitschaft der Deutschen, ihre Kinder auf freie, konfessionelle, demokratische, das heißt auf private Schulen zu bringen, sich dramatisch ausgeweitet hat. Heute denken sogar Eltern mit Hauptschulabschluss darüber nach, Privatschulen zu besuchen. Vor zehn Jahren war dies dem gehobenen Bürgertum vorbehalten. #

Im Land hat eine Art fröhlichen Fatalismus' Einzug gehalten. Jede Pisafolgestudie bringt stets die gleichen Ergebnisse: Prägendes Merkmal der deutschen Schule ist erstens, dass sie wenig leistungsfähig ist – also zu viele Risikoschüler produziert. Heute sind es deutschlandweit immer noch 20,9 Prozent. Und das sie zweitens ungerecht ist: Weil sie – bei gleicher Intelligenz und Sprachvermögen – den Kindern gebildeter und reicher Eltern durchgehend bessere Chancen einräumt, zu deutsch: Sie auf Gymnasien empfiehlt. #

Ist das zersplitterte und komplizierte Schulsystem seit Pisa einfacher geworden? Kann man zehn Jahre nach Pisa in Deutschland umziehen, ohne sich Sorgen zu machen, was die Leistungen der Schüler anlangt oder die Ähnlichkeit der Schulformen? Zweimal heißt die Antwort: Nein. Das Tabu der Debatte über Schulformen gilt im Grunde nur noch für Talkshow

12 neue Sekundarschulen!

Unterderhand haben 16 Bundesländer außer Hessen und Bayern begonnen, die zersplitterten Schularten auf zwei Formen zu vereinfachen. Freilich hat der systemimmanente Chaosfaktor der Kultusministerkonferenz zum Gegenteil geführt. Nun regiert die neue Unübersichtlichkeit: Gab es bislang vier weiterführende Schulformen, so sind es heute ein Dutzend, sie heißen Gesamtschule, Gemeinschaftsschule, Sekundarschule, Regionalschule, Stadtteilschule, Oberschule, Mittelschule, Regelschule, Realschule-plus, Werkrealschule, Hauptschule oder Gymnasium.#

Lässt sich mit anything goes die Schulkrise überwinden? Wahrscheinlich nicht. Denn das eigentliche Problem besteht ja darin, dass sich das deutsche Bildungsschiff als steuerungslos erwiesen hat. Auf der Brücke der Titanic stehen 16 Kapitäne und wollen alle irgendwie in eine andere Richtung. Derweil spitzt sich die demografisch wie ökonomisch die Lage zu. Deutschlands Schulen sterben aus, in den großen Flächenländern stehen Tausende Schulen, meistens sind es Hauptschulen, vor dem Aus – weil es schlicht nicht mehr genug Schüler gibt. #

Die Wirtschaft leidet

Am meisten leidet die Wirtschaft. Sie, die jahrelang die Kultusminister vor sich hinwursteln ließ, steht heute vor einem nie gekannten Fachkräftemangel. Nicht mehr nur Ingenieure oder Ärzte fehlen, inzwischen gehen sogar die Auszubildenden aus. Selbst der Dauerpisasieger Bayern produziert zu viele Risikoschüler, um den Nachwuchsmnagel des eigenen Mittelstandes befriedigen zu können. Im bayerischen Deggendorf zum Beispiel, wo 700 offene Lehrstellen einem Heer von Hauptschulabsolventen gegenüberstehen, hat CSU-Landrat Christian Bernreiter daher selbst das Heft in die Hand genommen: Er importiert Azubis – aus der bulgarischen Partnerstadt Deggendorfs. „Wir müssen jetzt aktiv werden. Von allein passiert gar nichts“, sagte er. #

Bürgermeister basteln Schulen für alle

Das ist der Offenbarungseid der Kultusminister. Weil es nicht schaffen, Bildungsarmut zu bekämpfen, basteln sich nun überall im Land Bürgermeister, Landräte und Schulleiter eigene Lösungen. Darin liegt aber zugleich die Chance er zweiten Postpisadekade. Während sich die Kultusminister über die Richtung streiten, nehmen sich Schulen die unerwarteten Freiräume.

Egal ob Nord oder Süd, West oder Ost, die Prinzipien der neuen Schulen sind fast immer die gleichen – es sind die Pisalektionen: Die Schule braucht eine andere Lernkultur. Und: Kein Kind soll zurück bleiben.

In Jesteburg (Niedersachsen) zum Beispiel gibt es eine Inititiative, die eine Schule fordert, die auch das Abitur anbietet, aber kein Gymnasium ist. Eine Art Gesamtschule also. Die lokalen Akteure für die Schule sind der Bürgermeister, die Schulleiterin und ein Grünen-SPD-CDU-Trio der örtlichen Zivilgesellschaft. Der Kultusminister Niedersachsens tritt dort nur in einer Rolle auf den Plan: als Verhinderer. Bernd Althusmann hat die Schule mit der Begründung erst nicht genehmigt, weil sie den falschen Namen hatte: Gesamtschule. Nur als Oberschule mit Haupt- und Realschulzweig hat er sie inzwischen zugelassen. #

Das Abitur ist die treibende Kraft für Schulreformen von unten. Genauer sind es Schulen, die [kursiv] auch [kursiv]das Abitur anbieten. So ist es, wenn in Bayern die Rebellengemeinden Denkendorf und Kipfenberg eine „Schule für alle“ fordern – weil sonst die Schule aus ihrem Ort verschwindet. Oder wenn in Berlin Europas größter Pizzahersteller Freiberger eine Gemeinschaftsschule mit Abiturmöglichkeit propagiert – explizit gegen die örtliche CDU. „Wir brauchen sehr viele verschiedene Qualifikationen, vom Ingenieur bis zum einfach Arbeiter, das kann die Gemeinschaftsschule anbieten – also unterstützen wir diese Schule“, sagt der Chef von Freiberger, Helmut Morent. Er steht der CSU nahe – aber er forderte die Reinickendorfer vor der Wahl dazu auf, in dem Berliner Bezirk nicht CDU zu wählen, weil diese Partei gute Schule aus ideologischen Gründen verhindert. #

Das ist das neue Selbstbewusstsein nach Pisa. Wenn die oben nicht mehr können, dann machen die da unten ihre Schule eben selber.

Sie brauchen dazu kein Steuerungswissen. #

Christian Füller, 47, schreibt über gute Schulen in einem schlechten Bildungssystem. Zuletzt: Die Gute Schule. Beltz 2010. Er bloggt als pisaversteher.de

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04.09.2011
09:48

Doofe Deutsche Schulreformen

Nur die UN und die Wirklichkeit schaffen Schulreformen

Gott, war das peinlich! Ein französische Journalistin wollte von mir wissen, ob die deutsche Schulreformen seit dem Pisaschock eigentlich zielgerichtet waren. Und als ich das alles zu erklären versuchte, musste ich mich richtig schämen: Wie blöd kann ein Land eigentlich sein, seinen Kindern eine so ungerechte und schlechte Schule zuzumuten - und sich gleichzeitig weigern, es einfach besser zu machen.

Peinlichkeiten und Wirklichkeitsverweigerungen

Deutsche Schulreformen seit Pisa 2000 sind eine Aneinanderreihung von Peinlichkeiten und Wirklichkeitsverweigerungen. Inzwischen hat sich die Wirklichkeit zwar so einigermaßen durchgesetzt - die hirntote und schülerpeinigende Hauptschule bekommt selbst von der CDU keine Infusionen mehr. Man könnte es so abkürzen: In Deutschland schaffen nur der Zwang der Vereinten Nationen und der Druck der Wirklichkeit Schulreformen. Freiwillig machen die KuMIs (Kultusminister) nichts. 

(Aber, das wird lustig, zum Abschied sagt die CDU nicht etwa leise "Servus Hauptschule!", sondern sie rächt sich bitter an Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU): Sie wird - das ist meine Prognose - zurücktreten müssen. Weil sie der CDU ihre Ideologie austreiben wollte.)

Hier nun ein paar Zitate, die zeigen, wie bekloppt deutsche Schulreformen sind.

(Liebe Lehrer, ich freue mich sehr auf Eure Beiträge! Schreibt ruhig auf, dass ihr Euch total Mühe gebt und die Hauptschule doch irgendwie ganz doll ist. Aber bedenket: Ich spreche zunächst vom Schulsystem und nicht direkt von Euch. Ihr könnt eigentlich nichts dafür, ihr seid nur die Funktionäre eines ungerechten, ungesunden und ineffizienten Schulsystems.)

Großes Reformgewurstel

"In Deutschland gab es zahllose Schulreformen seit dem Pisaschock im Jahre 2001. Es war wie ein großes Reformgewurstel, aber kein zielgerichtetes Verbessern der entscheidenden Schwäche: Bekämpfung der Bildungsarmut und Ungerechtigkeit des deutschen Schulwesens.“1

3 Beispiele: Schulformen, Ganztagsschulen und G8

Schulformen

Hintergrund: Die Kultusminister behaupten seit 2001, die Schulstruktur habe mit der Ungerechtigkeit des Schulsystems nichts zu tun. Das ist natürlich blanker Unsinn, wie man an der Zusammensetzung der Hauptschulen leicht erkennen kann. Dort ballen sich – was statistisch vielfach belegt ist - die Risikoschüler. Das ist ja auch Idee und Ziel der deutschen Schule, die mit 10 Jahren die Kinder in gute und schlechte einteilt und auf die Schulformen nach LEISTUNG verteilt. Das dreigliedrige Schulsystem ist in Wahrheit sogar in vier Formen gespaltet – in Sonder-, Haupt- und Realschule sowie Gymnasium.

"Inzwischen schaffen nahezu alle Bundesländer die hoffnungslosen Hauptschulen ab. Und fusionieren sie mit den Realschulen. Aber das ist keine gezielte Reform, sondern ein unkoordinierter Rückzug von einer unhaltbaren ideologischen Position. Die soziale Wirklichkeit setzt sich durch.“

(Nur Hessen besteht weiter auf Hauptschulen, Bayern benennt sie lediglich in Mittelschulen um. Als erstes Bundesland führte Schleswig-Holstein 2007 Gemeinschaftsschulen ein. Die östlichen Bundesländer hatten bereits in den 1990er reformiert. Die vorerst letzten Bundesländer, die die Hauptschulen abschaffen, sind Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Liebe Lehrer, bitte jetzt beschweren, dass die Sache in NRW viel viel komplizierter ist.)

Babylonisches Namenschaos

„Das Ergebnis ist ein babylonisches Namenschaos bei den Schulen: Die Nachfolger der Hauptschulen heißen – Oberschule, Regelschule, Sekundarschule, Mittelschule, Realschule plus oder Regionalschulen. Die integrierten Formen mit Abitur heißen Gesamtschulen oder Gemeinschaftsschulen.“

„Alle Pisaforscher empfahlen, den Dschungel von Schulformen zu lichten und neben dem Gymnasium nur noch eine integrierte Schulform mit Abitur zu belassen. Die Kultusminister lehnten das jahrelang aus ideologischen Gründen ab.“

„Deutschland ist - bildungspolitisch gesehen - ein Schurkenstaat. Die Sonderschulen müssen aufgelöst werden – auf Befehl der Vereinten Nationen, die das Aussortieren von Behinderten aus dem allgemeinen Schulwesen als menschenrechtswidrig eingestuft haben. Aber die Länder wehren sich dagegen.“Ganztagsschule

Ganztagsschule

Die Ganztagsschule war die einzige koordinierte Reform, kein Wunder, der Bund finanzierte sie damals mit der teuersten Schulreform aller Zeiten: Rot-Grün stellte im Jahre 2002 ingesamt 4 Milliarden Euro für den Umbau von Halbtags- zu Ganztagsschulen zur Verfügung. Aber die Bundesländer fühlten sich durch die Initiative in ihrer so genannten Kulturhoheit der Länder verletzt.“

[Bildung ist Aufgabe der Länder; die Kultusministerkonferenz ist älter als das deutsche Grundgesetz.]

Ohne Verfassungsänderung keine Schulinvestition

„Die Umsetzung der Reform war typisch deutsch: Die konservativen Ministerpräsidenten nahmen das Geld für die Baumaßnahmen zwar zähneknirschend an. Aber sie stellten so gut wie kein zusätzliches Personal zur Verfügung. Und ließen danach sofort die Verfassung ändern: Seitdem (2006) gibt es in Deutschland ein Kooperationverbot zwischen dem Bund und Ländern. Das heißt: Der Bund darf sich in die Schulangelegenheiten der Länder grundsätzlich nicht mehr einmischen.“

„Das ist vollkommen absurd! Während der Finanzkrise wurden sofort viele Milliarden Euro für die Verschrottung von alten Autos ausgegeben. Aber für ein Konjunkturprogramm in den Schulen (Computer, Umbau etc.) musste die Verfassung erst geändert werden – weil dem Bund Finanzspritzen in die Schulen verboten waren!“

Ganztagsschule

Die Verkürzung der Gymnasien von neun auf acht Jahre hat mit Pisa nichts zu tun. Diese Idee kam vorher auf, weil deutsche Abiturienten im Vergleich zu anderen ein bis zwei Jahre älter sind.

„Die G8-Reform ist ein Musterbeispiel für die blockierte Kultusministerkonferenz. Die Schulminister einigten sich auf die Verkürzung der Schulzeit um ein Jahr. Aber eine Reduzierung der Inhalte blieb in den wirren Gremien stecken. Das heißt: Die Schüler müssen nun in acht Jahren praktisch den selben Stoff lernen wie vorher in neun Jahren. Die Proteste dagegen flammten aber erst auf, als die Eltern und Schüler merkten, dass sie nun viel mehr büffeln müssen – und praktisch keine Freizeit mehr haben. Da war die G8-Reform aber längst beschlossen.“

==

Fußnote

1Bildungsarmut: Bei Pisa 2000 – veröffentlicht 2001 – wurden fast 25 Prozent Risikoschüler und funktionale Analphabten gemessen; 2009 sind es immer noch 20 Prozent. In den Hauptschulen konzentrieren sich teilweise 60 bis 90 Prozent der Risikoschüler; bei der Kompetenz Lesen produzieren ALLE BUNDESLÄNDER mehr Risikoschüler (schlechte Schüler) als Spitzenschüler – Sachsen 11,9 % (Risikosch.) zu 10,3 % bis Hamburg 27,8 zu 9,6 % (siehe Anhang Prenzel, Folie 8)

Ungerechtigkeit: Kinder von Akadmikern haben eine sechs Mal so große Chance, aufs Gymnasium zu kommen als Kinder von Arbeitern – BEI GLEICHER INTELLIGENZ UND GLEICHEN FÄHIGKEITEN. Von 100 Beamtenkindern landen 82 auf der Hochschule, von 100 Arbeiterkindern 23

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28.07.2011
22:46

Die Kritikindustrie

Wo Kohn, Klonsky und Ravitch falsch liegen

[Ergänzung: Bei einem SOS-March für die amerikanischen Lehrer hat der Schauspieler Matt Damon eine bewegende Rede gehalten, er sagte u.a.

My teachers were EMPOWERED to teach me. Their time wasn’t taken up with a bunch of test prep — this silly drill and kill nonsense that any serious person knows doesn’t promote real learning. No, my teachers were free to approach me and every other kid in that classroom like an individual puzzle.

Die ganze Rede in der Washington Post]

Alfie Kohn gehört zu den eloquentesten und härtesten Krtikern des us-amerikanischen Wegs der Schulreform: Mit Vergleichs-Tests die Leistungen von Schülern und Lehrern zu messen und failing schools notfalls auch zu schließen. Kohn bildet mit Mike Klonsky und Diane Ravitch das Triumvirat der Schulreformkritik. Die drei twittern sich die Finger wund, um Obama und seinen Schulminister Arne Duncan unschulischer Umtriebe zu bezichtigen. Gerade hat Kohn wieder ein Interview gegeben, in dem er No Child Left Behind und Race To The Top in Grund und Boden stampfte.

Es ist betörend, Kohns Argumente zu lesen. Er ist ein jederzeit intrinsisch orientierter Lehrer und Pädagoge, er stellt das Kind in den Mittelpunkt allen seines Denkens. Allein, so komplex und spannend sein Kritik ist, simplizistisch ist seine Analyse, wie alles besser werden könnte: Gerade hat Kohn in einem Interview gemeint, man müsse Lehrer besser bezahlen, ihnen mehr Zeit geben und die Vergleichstests beenden. Denn:

"We are living through what future historians will surely describe as one of the darkest eras in American education -- a time when teachers, as well as the very idea of democratic public education, came under attack", sagt Kohn in dem lesenswerten Gespräch. 

Nur fragt man sich, was war das eigentlich für ein Ära, als man Lehrer immer besser bezahlte, immer mehr von ihnen einstellte und NICHT fragte, was kommt eigentlich bei dem raus, was sie in der Schule treiben. Kurz: Als es Pisa noch nicht gab. Genau, es war die wirklich finsterste Zeit, eine Zeit nämlich, als Länder wie die USA oder Deutschland ganze Bataillone von Risikoschülern produzierten und sie in Arbeitslosigkeit und Sozialsysteme marschieren ließen.

Der Vergleich USA und Deutschland ist schulisch extrem kompliziert. Die pädagogischen Traditionen sind unterschiedlich, meines Erachtens findet in deutschen Klassen teilweise ziemlich guter Unterricht statt im Vergleich zu den USA. Auch ist das Testwesen in Nordamerika viel stärker und extrem außengesteuert. Dennoch überrascht es, wie Kohn mit mehr Zeit und mehr Geld für eine alte Lehrerschaft plötzlich ein neues Schulsystem schaffen will.

Kohns ambitioniertes Schreiben für neues Lernen in allen Ehren. Aber eines ist gewiss: Mehr Geld ins alte Schulsystem - das ist sicher der falscheste Weg. Er würde Ungleichheiten weiter zementieren und ein zutiefst ungerechtes Schulsystem zurück in den Dornröschenschlaf flöten.

Rupert Murdoch ist vielleicht nicht der Ratgeber erster Wahl, wenn es um Schulen geht. Aber sein Text jüngst in der FAZ weist pädagogisch mehr Perspektiven auf als Kohns Gewerkschaftsprogramm des Mehr und Teurer und Länger. Murdoch schreibt: 

"Für jemanden, der heute nach fünfzigjährigem Schlaf aufwacht, sehen die Klassenzimmer nicht sehr viel anders aus als vor hundert Jahren - der Lehrer oder die Lehrerin steht vor der Klasse, unterrichtet wird mit Lehrbuch, Tafel und Kreide. Dies ist ein unglaublicher Mangel an Phantasie."

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16.07.2011
00:25

Nicht warten: Kulturrevolution von innen UND außen

Schulreform als Teamwork

"der systemwechsel ist zwar eine schulische angelegenheit, kann aber nur kulturell (von außen) initiiert werden."

So lautet ein Tweet von @schb, einem Wuppertaler  Lehrer und Lernen2.0-Pionier, und dieser Satz ist vielfach bemerkenswert.

Unter Idioten

Denn Felix sagt damit: "Hey you guys from outside, help us in school! We are among idiots, who will never change school from inside!"

(Natürlich würden diverse Lehrer jetzt wieder einen Schreikrampf wg falscher Zitation bekommen; aber ich lese das "nur von außen initiiert werden" mal so. Sind ja in einem freien Land und nicht auf der Schulbank sitzend.)

Was Felix da sagt, heißt: Lasst uns, bitte, nicht allein da drin mit den Lehrern, die nichts verändern wollen.

Und Nein, das ist überhaupt nichts besonderes - es ist eine Binse, dass ca. 60 Prozent der Lehrer veränderngsresistent sind, kompletto immun gegen ANYTHING DIFFERENT. Siehe Schaarschnmidts Studie, altbekannt, aber aktuell wie je.

Aber ja, Felix Satz ist dennoch eine Sensation - weil endlich mal ein Lehrer ÖFFENTLICH ausspricht, was ohnehin alle wissen.

Aber das ist eigentlich weniger wichtig.

Was ist oben, was ist außen?

Was mir an dem Tweet auffiel, war das Missverhältnis und -verständnis von innen und außen. Klar hat Schubi total recht, wenn er von einem fundamentalen Kulturwandel des Lernens spricht, den es braucht, um Schule zu verändern. Schule muss auf den Kopf gestellt werden oder gerne auch umgekehrt vom Kopf auf die Füße. Wenn ich den Satz der wunderbaren Schreiblehrerin Ute Andresen nehme: "Wieso wird jeder Gegenstand so fad, wenn er schulförmig wird?" - dann weiß man wieder, wie verkehrt Schule ist. 

Kulturwandel von den Rändern

Und sicher wird dieser Kulturwandel von den Rändern kommen wie jede Innovation in der Regel von da stammt. Also lexikalisch gesprochen von dem Außen, das um die Schule rum ist, die sich wie eine Wagenburg anfühlt. Das Außen ist nicht nur die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Vereine, die Menschen, selbst die Eltern. Dummerweise ist es auch das dumme Oben, die KuMis, die Politik, die irgendwie gar nix kapiert. Ist doch so. 

Gibts drinnen kein Außen?

Aber gibts denn drin in der Schule kein Außen? Sind die Reformkräfte drinnen wirklich so schwach oder unselbstbewusst? Mensch Leute, wie viele Schulen haben sich am eigenen Schopf aus dem Vorschriften- und "ES-GEHT-NICHT"-Sumpf gezogen!

Es wird den Systemwechsel nicht von oben geben, njet, never, nein! Dazu ist außen zu viel Oben. System meint Auslese, Schlechtmachen, Rauswerfen, Abschulen, aber es ist auch sooooo naiv zu glauben, dass ALLEIN die ewige Dreigliedrigkeit der Schulformen und die bösen bösen Kultusminister es wären, die den Lehrer zwängen.

Die auch, klar! Aber der Auslesebazillus ist längst hineingekrochen in die Hirne und Herzen der Lehrer wie der teuflische Guinea-Wurm in die Körper der Menschen in Afrika.

Gesamtschule mit isolierter Schnelläuferklasse

Jüngst hat mir eine Gesamtschullehrerin voller Stolz erzählt, an ihrer Schule sei gerade ein eigener G8-Zug eingrichtet worden - ab der siebten Klasse werden diese Kinder zum Abi getrackt, ohne Feindberührung am doofen Rest vorbei auf der Überholspur. Gesamtschule 2011. Joghurt hat doch Knochen.

Pionier ruft um Hilfe

Was das verrückte an Schubis Einwurf ist: Selbst ein Pionier ruft um Hilfe, obwohl er wissen könnte, dass von außen nicht viel kommen wird, außer ultraorthodoxen Interventionen der falschen Doktoren wie KMK-Präsident Althusmann: Hauptschule heißt jetzt Twix, und sortiert wird auch in der Oberschule. Gehts noch?

Felix @schb ist das Beispiel für einen Lehrer im Aufbruch, er will woanders hin, er weiß, die seinen werden nicht mitziehen, er sucht nach anderen Verbündeten. Und auch wenn sein Ausruf Teil der erlernten Hilflosigkeit ist, unter denen die lehrerseminargestählten Anstaltsverwalter leiden, so ist sie dennoch nur noch einen Schritt von Obama weg: Ja, wir könnten das!

Wechselseitiges Aufschaukeln

Schulreform oder, grundsätzlicher, Systemwechsel, entsteht durch ein wechselseitiges Aufschaukeln der Reformer drinnen und draußen, oben und unten. Und der Zündfunke wird dann evtl. ein ganz banaler sein: Vielleicht ein Flashmob, der die Schule oder einen dieser Super-Duper-Kultusminister lahmlegt? [Idee geklaut :-)]

Aber, Schubi, ihr da drinnen und wir da draußen, wir können nicht auf den jeweils anderen warten, ehe wir die Kulturrevolution des Lernens beginnen. Wir brauchen uns schon. Aber jeder kann ja schon mal anfangen.

P.S. Gerade schrieb mir eine tolle Lehrerin, dass manchmal schon ein einziger Lehrer den Unterschied macht. Wenn er mutig ist und ein bisschen Ermutigung und Support bekommt. Das isses!

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