20.04.2012
09:44

Offener Brief zur "Kinderpornoleier"

Offener Brief an Jörg Rupp, den Autoren des Begriffes „Kinderpornoleier“

Sie, Jörg Rupp, sind maßgeblicher Netzpolitiker der Grünen in Baden-Württemberg. Sie haben sich bei Twitter zu Warnungen vor kinderpornografischen Darstellungen und pädosexuellem Grooming so geäußert: „Und wieder die alte Kinderpornoleier“. Sie bezogen sich in einem Folge-Tweet positiv auf einen wegen des Hundertfachen Besitzes von Kinderpornografie verurteilten Mann.

Ich habe das auf Twitter kommentiert: „ein grüner Kinderpornolobbyist.

Dieser Kommentar war falsch. Ich bedauere, die Tweets Rupps mit der Bezeichnung „grüner Kinderpornolobbyist“ gekennzeichnet zu haben. Ich nehme das zurück. Es tut mir leid. Rupp ist sicher kein Kinderpornolobbyist, er arbeitet oder wirbt nicht für die Porno-Industrie.

Jörg Rupp hat zwischenzeitlich erklärt, er habe den Begriff der „Kinderpornoleier“ nur umgangssprachlich benutzt. Es tue ihm leid, wenn jemand dadurch sexuelle Gewalt im Netz bagatellisiert sehe.

Ich finde richtig, wenn ein Landespolitiker dies einsieht. Ich halte zusammen mit einer überwältigenden Zahl von Anti-Missbrauchs-Einrichtungen den Terminus „Kinderpornoleier“ für völlig unangebracht.

  • Er versperrt uns das Verständnis dafür, welche Risiken das Netz insbesondere für Kinder und Jugendliche im Zusammenhang mit sexueller Gewalt birgt. Ein solcher Begriff hält uns davon ab, die neuen Formen von dokumentierter sexueller Gewalt in Web 2.0-Medien zu verstehen. Er blockiert unsere Wahrnehmung für die neuen Störungs- und Krankheitsbilder, die Einrichtungen bei Kindern und Jugendlichen beobachten. (siehe taz)

Ich will kurz schildern, wie ich zu der harten Kommentierung der Rupp´schen Tweets gekommen bin.

1) Jörg Rupp hatte im Bezug auf eine Aufklärungsseite über sexuelle Gewalt in der taz (eine Rezension des Buchs "Im Netz" und einer über die Haltung der Reformpädagogen) gefragt, was es rechtfertige, „den Zusammenhang 'Internet/Pädo' aufzumachen“. Ich habe diese Frage nicht verstanden, denn es steht auf der Seite und ist auch für jeden offensichtlich, wo der Zusammenhang liegt:

Erst vor wenigen Wochen geschah ein schreckliches Verbrechen. Ein junger Mann erstach ein 11-jähriges Mädchen, nachdem er es – so vermutet die Polizei – vergewaltigt hatte. Dieser junge Mann hatte in den Jahren zuvor seine pädophilen Neigungen durch den Konsum von Kinderpornos im Netz verfestigt und später auch eigene sexuelle Gewalt gegen ein kleines Mädchen dokumentiert. Experten gehen davon aus, dass aus dem Pädophilen auch durch das Netz ein Pädokrimineller geworden ist.

Um diesen Zusammenhang ging es: Pädokriminelle nutzen das Netz intensiv. Sie nutzen das Netz, um sich auszutauschen, zu ermutigen oder Tipps zu geben. Sie nutzen das Netz, um den Kontakt mit Kindern und Jugendlichen zu intensivieren (wie der jüngst verurteilte Lehrer in Hamburg) und sie nutzen das Netz um überhaupt erst Kontakt mit Kindern und Jugendlichen aufzubauen. Darüberhinaus gibt es ein massives Problem mit Kinderpornografie im Netz, sei es zum Verkauf, Vertrieb oder die Werbung.

2) Jörg Rupp unterstellte in seinem Tweet, später auch in diversen Blogposts, auf der Seite der taz und in einem der rezensierten Bücher („Im Netz“ von Julia Weiler) werde das Netz zur Ursache für sexuelle Gewalt erklärt. „Das böse Internet, die bösen Pädokriminellen und die sozialen Netzwerke – da passiert das alles“, heißt es bei Rupp.

An keiner Stelle auf der taz-Seite noch im Buch Julia von Weilers steht so etwas – im Gegenteil heißt es dort wörtlich: Kinderpornografie „ist keine Erfindung des bösen weltweiten Netzes“.

3) Jörg Rupp bezichtigt die Organisation „Innocence in Danger“, deren deutsche Sektion die Autorin seit vielen Jahren leitet, dass sie nichts für den Kinderschutz tue und nur an Charity-Events interessiert sei. Das ist schlicht falsch:

Innocence in Danger (IID) ist eine anerkannte Einrichtung, die Aufklärung und unmittelbaren Kinderschutz verwirklicht. Julia Weiler hat gemeinsam mit dem „Bundesverein zur Prävention“ das erste nationale Infotelefon gegen sexuellen Missbrauch ins Leben gerufen, N.I.N.A. IID entwickelte und bezahlt mehrere vorbildliche Aufklärungsprogramme und -stücke wie das partizipative Film-Theater „offline“. IID veranstaltet wissenschaftlich begleitete Erholungskuren für missbrauchte Kinder. IID hat soeben für „smart user Peer2Peer“ einen Preis des „Bündnis für Kinder“ bekommen – die Juroren waren ein exzellent besetzter Fachbeirat. Das sind alles kluge, sensible und fachlich exzellente Programme.

IID ist Teil eines Netzwerks gegen sexuelle Gewalt und Kinderpornografie. Die wichtigen Jobs der täglichen Hilfe machen kleine Organisationen und Initiativen wie Petze, Strohhalm, Berliner Jungs, Wildwasser, Zartbitter, Innocence in Danger und viele viele mehr. Die Studien im Auftrag der „Unabhängigen Beauftragten gegen sexuellen Kindesmissbrauch“ zeigen eindrücklich, dass ein akuter Mangel an Hilfe und Unterstützung für solche Organisationen der Betroffenenhilfe besteht. Es gibt in diesem Land eher eine Tradition des Täter- als eine des Opferschutzes.

  • Diese Organisationen kämpfen gegen Kinderpornos, ihre Hersteller und Nutzer – Jörg Rupp hat einen verurteilten Nutzer als Zeugen angeführt.
  • Diese Organisationen leiden in ihrer täglichen Arbeit unter bagatellisierenden Begriffen wie dem der „alten Kinderpornoleier“ – Jörg Rupp hat einen solchen Begriff benutzt.
  • Jörg Rupps Blogeinträge dienen gar Attacken von Kommentatoren auf das gesamte Netzwerk gegen Missbrauch und sexuelle Gewalt.

Das war es, was mich zu dem Begriff „grüner Kinderpornolobbyist“ provozierte. Es war falsch und ich entschuldige mich dafür. Christian Füller

Kommentarfunktion deaktiviert

Zurück

pisa-versteher.de