... Er hat sich beurlauben lassen. Offiziell, weil er etwas anderes machen will. Aber hinter der Abkehr des it-fittesten deutschen Lehrers von der Schule steckt auch seine Erkenntnis, dass diese Einrichtung zu langsam, zu träge und zu innovationsfeindlich ist. „Ich will nicht um jeden Zentimeter Modernisierung kämpfen müssen“, sagt er.

Nicht gerade Weltspitze

Diese Geschichte ist merkwürdig – und typisch. Das deutsche Schulwesen ist in seinen Leistungen, seinem Lernstil und seiner Fähigkeit, unterschiedliche Schüler zu integrieren, nicht gerade Weltspitze. Renommierte Beobachter sagen: Deutschland will mit einem Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bestehen. Das Problem ist also erkannt. Bei dem Versuch allerdings, diesen bedrückenden Modernisierungsrückstand aufzuholen, stellen sich wechselweise Bürokraten, Lehrer oder gar Eltern in den Weg.

Die Reihe solcher Schulstreiche ließe sich endlos fortsetzen. Aber dieses Buch will genau das Gegenteil tun. Es soll hier nicht um gescheiterte Reformen gehen, sondern um gelungene. Nicht Regelschulen sind das Thema, sondern schlaue. Die gute Schule ist nämlich nicht nur in Finnland zuhause, nein es gibt sie hier, mitten in Deutschland. Wir werden an fünf Beispielen zeigen, dass sich ausgezeichnete, ja herausragende Schulen finden. Und wir wollen dabei der Frage nachgehen, die sich so viele seit den mittelmäßigen Pisaergebnissen stellen: Wie macht man eigentlich gute Schule? Wie haben es unsere guten Schulen geschafft, dass Schulräte, Lehrer und Eltern nicht etwa opponieren, sondern mithelfen?

Exzellente Schulen - aller Schularten

Die fünf Schulen kommen aus fünf verschiedenen Bundesländern. Und sie sind aus allen denkbaren Schulformen. Es ist eine Grundschule dabei, eine ehemalige Sonderschule für geistig Behinderte, eine Hauptschule, die sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen will, eine Gesamtschule, die schon sehr weit gediehen ist in ihrer Schulentwicklung. Und auch ein Gymnasium gehört dazu. Diese Schulen sind die besten deutschen Schulen.

Gute Schule fällt nicht vom Himmel. Sie entwickelt sich, weil Akteure vor Ort etwas unternehmen. Weil sie sagen: Wir wollen unseren Junge-Lehrer-Traum verwirklichen – wie in der Grundschule an der Kleinen Kielstraße in Dortmund. Weil sie Physik und Chemie endlich so unterrichten wollen, dass es alle Schüler verstehen können – wie am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach. Weil sie behinderte oder sozial benachteiligte Kinder nicht mehr ausgrenzen – wie die Waldhofschule in Templin und die Heinrich-von-Kleist-Schule in Wiesbaden. Oder weil sie erklären: Wir finden Teile des Schulsystems unerträglich – wie in der Max-Brauer-Schule in Hamburg. Alle zusammen sagen sie: Wir wollen kein Kind mehr zurück lassen und keinen Schüler mehr beschämen.

Was zeichnet gute Schulen aus?

Warum sind diese Schulen so besonders? Was zeichnet sie aus? Diese Fragen sollen die LeserInnen selbst beantworten können. Sie werden die Schulen in fünf Kapiteln mit ausführlichen Portraits kennen lernen. Sie sprechen mit den Lehrpersonen und treffen die vielen Helfer, die es in diesen Schulen gibt. Sie nehmen Kontakt zu den Eltern auf, interviewen die SchulleiterInnen und, das ist das spannendste, sie können die Schüler im Unterricht beobachten. Genauer: Sie werden zusehen, wie das Lernen in diesen besten deutschen Schulen abläuft. Immerhin reisen inzwischen sogar Delegationen des mehrmaligen Pisaweltmeisters Finnland an, um das zu erkunden, was die Schulen auszeichnet: Einen völlig anders organisierter Unterricht.

Die guten Schulen haben ihr Kerngeschäft reformiert: das Lernen der Schüler. Ihr großes Ziel ist es, die Machtverhältnisse des Lernens zu verändern. Sie versuchen, ihre Schüler aus der Rolle von Objekten der Beschulung zu befreien – und zu Subjekten ihres Lernens werden zu lassen. Schüler werden dort als kleine Forscher gesehen, die ihren Wissenserwerb, ihre Kompetenzfortschritte und ihre Lernprojekte selbst mitsteuern sollen. Dieser neue Lernstil hat einen Namen, er heißt individuelles und selbständiges Lernen. (...)

Der Skandal - die Blockierer

Die guten Schulen sind aber nicht nur eine Freude, sie sind auch ein Skandal. Denn eine andere Lehre, die man aus den Schulen ziehen kann, ist die, dass gute Schulen Feinde haben. Die sind geradezu erpicht darauf, zu verhindern, dass sich Schulen ändern. Das klingt absurd, aber es ist so.

Dazu gehören zum einen die Schulbürokraten und zum anderen – die Eltern. Selbstverständlich sagen die Väter und Mütter nicht: „Wir sind gegen gute Schule!“ Nein, sie geben vor, erst mehr Lehrer haben zu wollen, ehe sie ein anderes Lernen zulassen – obwohl sie genau wissen, dass Unterrichtsausfall unmöglich auf Null sinken kann. Denn dann müsste man Lehrern die Grippe verbieten. Eltern haben auch keine große Lust, ihre Eleven mit Kindern anderer, niedrigerer Schichten zusammen lernen zu lassen – und sie sind bereit, dagegen mit dem Furor von Klassenkämpfern des 19. Jahrhunderts aufzutreten.

Feuerzangenbowle

Vor allem aber haben Eltern ein überkommenes Bild von Unterricht im Kopf. Wie eine fixe Idee, von der sie nicht ablassen wollen, verherrlichen sie den frontalen Unterricht, der ihre Kinder doch mehr oder weniger zu Konsumenten macht. In den Köpfen der Eltern läuft immer noch die „Feuerzangenbowle“, ein Film, in dem der eloquente Dr. Pfeiffer alias Heinz Rühmann seine Klasse mit Esprit und Wissen entzückt. Sogar der Oberschulrat ist begeistert. Ein schöner Film – aus dem Jahr 1944! Das darin vermittelte Bild von Unterricht ist ein Klischee, das für die Zukunft nicht mehr geeignet ist. Auch wenn die Eltern besorgt sind um die wenigen Kinder, die sie noch haben, und nervös wegen der schlechten deutschen Pisanoten. Sie sollten ihr Bild von Unterricht hinterfragen – und mithelfen, gute Schule zu ermöglichen. Deswegen finden Sie im Schlusskapitel 10 konkrete Ratschläge, wie sie gute Schulen erkennen und machen können.

Wie Eltern Schule (kaputt) machen

Es wird Zeit, dass wir die Feuerzangenbowle aus den 40er Jahren abschalten und uns stattdessen ansehen, wie die guten Schulen heute modernes Lernen für Bürger von morgen möglich machen. Man kann nicht ernsthaft mit den Methoden aus der Oberprima Unterricht für die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts bestreiten. Die Zeit des Memorierens, Gehorchens und Wissensabfragens ist vorüber. Heute müssen Schüler lernen, wie sie sich kreativ und individuell Kompetenzen erarbeiten können; wie sie effektiv über Fach- und Kulturgrenzen hinweg kommunizieren und in Teams Probleme lösen können. Dazu braucht man andere Lernformen. Lernprojekte etwa, deren Themen sich Schüler selbst geben und deren Ziel weder durch den Befehl des Lehrers noch durch das Klingelzeichen am Ende der Stunde vorgegeben ist. Diese Projekte, das zeigt der Blick in die entstehende Landschaft eines alternativen Schulsystems, sind keine singulären Experimente von Schulsonderlingen