05.10.2009
00:35

"Das Gymnnasium reformiert sich - oder es geht unter"

Der Abi-Monopolist wankt

Vor wenigen Tagen hat der Erziehungswissenschaftler Peter J. Brenner das Gymnasium „als deutsche Erfolgsgeschichte“ gefeiert. Brenner sollte wissen, wovon er redet, denn er ist Geschäftsführer der viel gelobten neuen Lehrerbildung an der TU München. Der spektakulärste Satz des Pädagogikprofessor war ausgerechnet dieser:

„Ein Drittel der alle Studenten an deutschen Universitäten sind nicht studierfähig.“

- Was gerade kein Leistungsnachweis fürs Gymnasium ist – immerhin ist es praktisch der Monopolist für die Hochschulreife.

Brenners Problem ist, dass er einfach den falschen Titel gewählt hat. Das deutsche Gymnasium ist längst keine Heldensaga mehr - besonders im internationalen Vergleich. Andere Staaten produzieren viel mehr Spitzenschüler als Deutschland. Beim Lesen etwa liegen Korea (22 Prozent), Finnland, Kanada und Neuseeland (>14 Prozent) weit vor Deutschland, dass nicht einmal 10 Prozent Spitzenschüler aus seinen Schulen entlässt. Das Gymnasium will eine spezielle Elitetrainingsanstalt für die besten Schüler sein. Allein, es hilft nichts. All die Vergleichsländer an der Spitze schaffen mit Gesamtschulen 50 bis 100Prozent mehr Topleser. Das heißt: Das Gymnasium bekommt die besten Schüler, das meiste Geld und die besten Lehrer – aber es macht zu wenig daraus!

Unter Eingeweihten gilt das Gymnasium längst als der Sündenfall der deutschen Schule. Damit die Elite leichter lernen kann, werden langsamere oder vermeintlich minderbegabte Schüler auf niedrigere Schulformen verbannt. Den Preis dafür, dass ein Teil der Schülerschaft unbeschwert lernen kann, zahlen die Hauptschulen – dort entstehen sogenannte „differenzielle Lernmilieus“. Das heißt: Dort herrschen andere, nämlich viel schlechtere Lernbedingungen.

Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung nennt das eine „doppelte Benachteiligung“: Erst werden die Kinder von Arbeitern, Ungelernten und Migranten gezielt in niedrige Schulformen gelotst. Dort entsteht dann ein soziales Milieu, das Lernwillen und -freude weiter herunterdimmt. Es ist die Frage: Darf ein Staat, der laut Verfassung alle Bürger gleich behandelt, so etwas eigentlich tun? Wir meinen: Er darf nicht.

Aber die Dämmerung des Gymnasiums hat definitiv begonnen. Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre hat das darwinistische Prinzip des Gymnasiums auf die Spitze getrieben – so weit, dass auch das Bürgertum seine Lieblingsschule harsch kritisiert oder ihm sogar den Rücken kehrt. Gymnasien wie das Elsa-Brändström in Oberhausen oder das Friedrich-Schiller in Marbach denken um. Sie verändern die Lernformen. Und sie haben ein neues Prinzip: Statt „Wer-hier-nicht-mitkommt-fliegt-raus“ heißt es dort: „Jeder kommt ans Ziel“. Der Marbacher Rektor Günter Offermann, dessen Gymnasium 2007 den Deutschen Schulpreis gewann, sagt:

„Das Gymnasium reformiert sich – oder es geht unter.“

Christian Füller diskutiert die Schwäche des Gymnasiums und sein Buch „Die Gute Schule“ heute (Montag 19 Uhr) im Pestalozzi-Gymnasium in München

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