30.10.2009
10:30

Die Mär vom bösen Grüffelo Privatschule

Oder: Warum die Privatschulen zu Unrecht die Prügelknaben der Nation sind

 

Die böse Privatschule! Sie gehört zu den schlimmsten Schauermärchen des deutschen Schulwesens. Ein Boom von Privatschulen, so heißt es, fege wie ein Tsunami über das deutsche Schulwesen hinweg, um es zu verwüsten.

Das ist Unsinn. Wie das Bildermärchen vom Grüffelo, jenem grauenhaften Fantasiewesen von Axel Scheffler und Julia Donaldson, das angeblich im Wald herumstreunt und gefährlich für andere Tiere ist.

Der Grüffelo Privatschule ist ein schnell wachsendes Wesen, das monstrenhafte Größe annimmt, heißt es. Er hat ganz scharfe Zähne namens „Schulgeld“, die mit ihren über 20.000 Euro pro Monat die Gerechtigkeit des Schulwesens stark verletzen.

Der Grüffelo Privatschule ist ein fürchterlich arrogantes und elitäres Waldungeheuer, das lauter arme Kinder frisst. - So weit die Mär.

Die Wahrheit ist eine andere. Der Grüffelo Privatschule ist kein schnell wachsendes Wesen. Er nimmt allenfalls in Maßen zu.

Ja, es gibt einen Zuwachs der Schülerzahlen um 25 Prozent. Aber das bezieht sich auf den Zeitraum seit 1987 – also in mehr als 20 Jahren. 

Vor allem, das Wachstum erfolgt von einem sehr niedrigen Niveau aus. In kaum einem anderen Schulwesen der Welt gibt es noch heute so wenige Privatschulen wie in Deutschland. In den Niederlanden etwas sind es 70 Prozent Freie Schulen, bei uns gehen nur 7,8 Prozent aller Schüler in private Einrichtungen.

Und diese Privatschul-Grüffelos sind auch keine Raubtiere mit 20.000 Zähnen, sondern ganz harmlose Tierchen.

Über die Hälfte der Privatschüler besuchen katholische Schulen. Von denen wiederum ist die Hälfte gratis; die andere Hälfte der katholischen Schulen verlangt zwischen 30 und 80 Euro. Auch die evangelischen Schulen sind nicht teuer, höchstens 150 Euro zahlt man dort – und das nur, wenn man Spitzenverdiener ist.

Auch die Waldörfler sind nicht gerade als Teuerschulen bekannt. Sie überlassen ihren Kunden, wie viel sie zahlen wollen – ohne es zu überprüfen! Mit den christlichen und den Waldorfschulen haben wir aber bereits 84 Prozent aller Schüler an organisierten Privatschulen. Bleiben die Mitglieder im Verband der Deutschen Privatschulen. Auch sie sind keine Ungeheuer. Ihr Durchschnittspreis liegt bei 120 Euro Schulgeld, schätzt man.

Das ist weit entfernt von den 800 bis 1.200 Euro Schulgeld, die etwa die privaten Phorms-Schulen kosten. Oder von den rund 20.000 Euro, welche die International Schools pro Jahr verlangen. Nur haben diese Schulen zusammen eben nur ganz wenige Schüler.

Von den 558.000 Privatschülern, die es laut der Arbeitsgemeinschaft der Freien Schulen in Deutschland gibt, besucht etwa ein Prozent die Phorms-Schulen oder Internationale Schulen.

Das bedeutet: Die wirklich gefährlichen Privatschul-Grüffelos machen nur einen winzigen Anteil der Schüler aus. Ein Prozent der Privatschulen. Das ist weniger als ein Promill der Gesamtschülerzahl! Wer, bitteschön, möchte vor diesen Schule Angst haben?

Es ist wie im Bilderbuch von Scheffler/Donaldson, wo sich das Fantasiewesen Grüffelo in einen Freund der Kinder verwandelt. So ist es mit den Privatschulen. Sie können ein Motor für die Reform des Schulwesens sein. Sie könnten allen Kindern nutzen – wenn wir nicht so viel Angst vor ihnen hätten.

 

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