26.10.2009
11:29

Die Tigerente watschelt Richtung Weltspitze

Die 10-Prozent-Bildungs-Lüge

Vor gut einem Jahr rief Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bildungsrepublik aus. Nun scheint es so weit zu sein – schenkt man den forschen Ankündigungen der neuen schwarz-gelben Regierung Glauben. Man wolle das Land bei Bildung und Wissenschaft "an die Weltspitze führen", sagte Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP). Westerwelle ist Außeniminister, der muss ab sofort von Welt reden. In der Überschrift der Koalitionsvertrags steht Bildung immerhin auf Platz 2. „Wachstum – Bildung – Zusammenhalt“.

Westerwelle: Deutsche Bildung an die Weltspitze

Allein, niemand glaubt den Versprechungen der Regierung. Auf keinem Gebiet ist die Schlucht zwischen Anspruch und Wirklichkeit so groß wie bei der Bildungspolitik. Das wichtigste, das stilbildende Ziel von Schwarz-Gelb ist nach eigenen Angaben, die Ausgaben für Bildung auf einen Anteil von 10 Prozent des Sozialproduktes anzuheben. Tagelang wurde um dieses Ziel gerungen. In jeder neuen Zwischen-Version des Koalitionsvertrages stand der Punkt erneut gelb als „STREITIG“ markiert. Die FDP wollte die 10 Prozent bis 2013, die CDU erst bis 2015. Schliesslich einigte man sich auf 2013.

Doch kein Ziel ist fragiler und fragwürdiger als die Steigerung der Bildungsausgaben. In einem internen Papier machen sich die Finanzminister der Länder geradezu lustig über die Zahl. „Die Zielgröße für die Bildungs- und Forschungsausgaben von 10% am BIP [Sozialprodukt] wird derzeit überschritten und im gesamten Betrachtungszeitraum bis 2015 eingehalten“, steht in dem Papier, das pisaversteher in der taz exklusiv veröffentlichte.

10 Prozent Bildungsausgaben - haben wir längst!

Nichts zeigt deutlicher, wie lächerlich die schwarz-gelben Ankündigungen sind: Hier streitet die neue Regierung um ihr vermeintliches Megaziel – dort rechnen die Finanzminister kühl vor: 10 Prozent Bildungsausgaben, ach was, die haben wir doch längst! Die schwarz-gelbe Tigerente quakt nur mehr über Bildung, die Finanzminister machen daraus eine 10-Prozent-Lüge.

Ist diese Sichtweise zu verhärmt, zu kritisch, zu negativ? Nein, die Situation des deutschen Bildungssystems ist alles andere als Weltspitze. Da muss man nur einen Moment in die Expertenrunde hineinlauschen, die der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband am Wochende auf Schloss Elmau versammelte. Die Lehrer, Wissenschaftler und Publizisten diskutierten darüber, wie und wann endlich die Schule verbessert werden könnte.

Auf dem Weg zur Ständegesellschaft

„Die deutsche Gesellschaft ist auf dem besten Weg, wieder zu einer Ständegesellschaft zu werden", sagte die Autorin und FAZ-Redakteurin Inge Kloepfer – und machte in erster Linie das ungerechte Schulsystem dafür verantwortlich. „Wenn sich ein achtjähriges Kind wegen seiner Erfahrungen und seiner Familie sicher ist, 'dass ich auf keinen Fall das Abitur schaffen werde', dann ist das für eine faire Gesellschaft untragbar“.

Schule des 19. Jahrhunderts

Das war keine Einzelmeinung bei den Elmauer Gesprächen. „In vielem ist Schule noch eine Schule des 19. Jahrhunderts“, sagte der Präsident des Deutschen Jugendinstitutes, Thomas Rauschenbach. „Die alte Schule folgt der Tradition der Verkündigung von vorne. Das prägt die deutsche Schule“, sagte der Vorsitzende der Jury des Deutsche Schulpreises, Peter Fauser. Und forderte: „Wir brauchen eine andere Schule.“ Der Kriminologe Christian Pfeiffer warnte davor, wie längst andere Lehrer das Regiment „Je ärmer der Eltern sind, desto häufiger finden wir Spielkonsolen und Bildschirme in den Kinderzimmern.“

Der Präsident des BLLV, Klaus Wenzel, verriet, warum er nicht locker lassen werde, echte Bildungsreformen einzuklagen: "Ich will mir in zehn Jahren von meinen Enkeln nicht sagen lassen: 'Ihr wusstet doch wie ungerecht die Schule ist. Wieso habt ihr sie nicht verändert?'“

Kommentarfunktion deaktiviert

Zurück

pisaversteher.de