28.10.2009
10:18

Das Tabu Computerspiel-Sucht

Gefesselt am Bildschirm

Man kann über die Thesen und die Allmachtsphantasien des Dr. Pfeiffer aus Hannover denken, wie man mag. Der allgegenwärtige Kriminologe geht neuerdings dazu über, in Städten und Landkreisen die Bildschirme aus den Kinderzimmern zu räumen. Mit missionarischem Eifer. Sogar das Bayerische Kabinett soll er schon erleuchtet haben.

20 Prozent der Drittklässler daddeln täglich eine Stunde.

Der Umgang der Blogger- und der Gamerszene mit Pfeiffer allerdings spottet jeder Beschreibung - vor allem der mit seinen Ergebnissen. Pfeiffer hat 15.000 Jugendliche nach ihren Spielgewohnheiten befragt. Das Ergebnis kann keinen vernünftigen Menschen kalt lassen: 20 Prozent der Drittklässler spielen eine Stunde täglich an der Konsole, sechs Prozent sind dort drei Stunden täglich gefesselt.

Die Nutzung der Geräte ist eindeutig schicht- und bildungsabhängig. 43 Prozent der Kinder von Eltern mit Hauptschulabschluss haben eine Spielkonsole im eigenen Zimmer. Bei Akademikern sind es 11 Prozent. Auch der Zusammenhang zwischen der Spielhäufigkeit und den Noten ist offensichtlich. Doof spielt mehr.

Es mag sein, dass diese Ergebnisse noch einer konsistenten Theorie bedürfen, welche Kinder warum spielen, wie man damit umgehen kann und wie die Noten zustande kommen. Aber dass da ein Einfluss da ist, das leugnet kein Hirnphysiologe und kein Mediziner - aber die Bloggerszene. Besonders peinlich: Nicht einmal Blogger aus der Lehrerbildung mögen akzeptieren, was da los ist. Ich denke, so was nennt man ein Tabu, oder? Ein Tabu bei den Tabulosen, den Offenen, denen, die jeden Erkenntnisfitzel zu teilen nicht an sich halten können

"Ja ja, der Storch bringt die Babies." Lisarosa

Pfeiffer garnierte jüngst die Leistungsunterschiede zwischen Mädchen und Jungen mit diesen Zahlen: Jungs haben zu 38 % Spielkonsole zuhause, Mädchen 15,6 %. Da mikrobloggte Lisarosa zurück: " Jaja, der Storch bringt die Babies". Man muss sich das vorstellen: Diese Frau ist kein wow-abhängiger Gamesjunkie. Sie bildet Lehrer aus, sie hat eine hübsche kleine Theorie über das neue Lernen vorgelegt, sie philosophiert gerne mal über die Bedeutung von Zeit in Lernprozessen. Aber wenn man ihr den größten Zeitfresser vor Augen hält - Games und TV-Geräte im Kinderzimmer- , dann kneift sie diese ganz fest zu.

Ich erlaube mir für die zu erwartenden Wutattacken mal eine kleine Zufallsbefragung aus meiner Redaktion bekannt zu geben. Alle, in Worten ALLE Redakteure, Layouter, Fotografen, Mitarbeiter steuerten - ungefragt - Geschichten von Neffen, Söhnen und Bekannten bei, denen man sagte: "Ich glaube, sie haben ein Spielproblem." Weil sie bis tief in die Nacht an ihren Games kleben. Ein Ex-Süchtiger berichtet in der taz über sein Abi und wie viel er in allen Lebensbereichen habe aufholen müssen.

"Die Zeit davor ist wie ein großes Loch."

Es wird Zeit, dass wir uns an den Rand dieses Kraters stellen und schauen, wer schon alles hineingefallen ist. Auch Du, Lisarosa.

mehr dazu von pisaversteher: Unser aller Geballer (mit Arno Frank) Der Betrug mit der Spielstudie

pisaversteher ist nicht der einzige, der so denkt: kritiker der pfeiffer-kritiker

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