24.11.2009
22:22

Die Unverantwortlichen

Warum endlich die wirklich Zuständigen den Bachelor in die Hand nehmen müssen: Die Professoren und Studenten

VON CHRISTIAN FÜLLER (Kommentar für Politikum WDR 5, 24.11.)

Heute haben die Rektoren der deutsche Hochschulen in Leipzig getagt. Die Chefs von rund 300 Hochschulen unterhielten sich über den Bildungsstreik. Vor der Tür demonstrierten derweil 5.000 bis 10.000 Studierende. Sie waren, so ist das bei Bildungsstreiks, mächtig empört - über die Rektoren, die im Warmen sitzen. Und über die vermeintlich schrecklichen Bachelorstudiengänge. Das sind die verkürzten Studienprogramme an den Unis, über die sich gerade ganz Deutschland aufregt.

Nach der Tagung erklärten die Universitätsrektoren, dass die Politik an der Bachelormisere schuld sei.

Und die Studenten sagten, dass die Rektoren den Bachelor kaputt gemacht hätten und die Politik.

Leider stimmt das nicht.

In Leipzig haben sich heute genau die richtigen getroffen - diejenigen nämlich,die für den Bachelor verantwortlich sind.

Die Professoren und die Studenten haben es verbockt. Sie haben es nicht geschafft, die alten Magister- und Diplomstudiengänge zu entrümpeln und in gute, studierbare und kürzere Bachelorstudiengänge zu verwandeln.

Das ist eine unbequeme Wahrheit. Und sie ist auch ein kleines bisschen
zugespitzt. Denn selbstverständlich haben bei der größten Studienreform
seit Wilhelm von Humboldt vor 200 Jahren auch die europäischen
Wissenschaftsminister, die Bundesländer, die EU und etliche Hochschulforscher ihre Finger im Spiel.

Die konkret Verantwortlichen aber sind die Hochschulen. Genauer: Diejenigen in den Hochschulen, die Studiengänge entwerfen, das sind die Professoren. Und die Studenten. Denn sie haben in keinem Gremium der Universität so viel Mitspracherecht wie in den Studienreformkommissionen, wo sie üblicherweise die Hälfte der Sitze einnehmen.

Die große Frage ist: Warum werden Professoren und Studenten ihrer
Aufgabe nicht gerecht? Die Antwort ist leichter als man denkt.

Die Professoren haben in den Hochschulen in allen Gremien die
garantierte und absolute Mehrheit. Sie haben es nicht nötig, sich von
irgendjemandem in die Gestaltung eines Studienganges reinreden zu
lassen, außer von den Studierenden. Die Profs sind die Träger der in Artikel 5 garantierten Freiheit von Forschung und Lehre. Daher ist es ihnen auch so leicht gefallen, ein zehnsemestriges Diplom in einen sechssemestrigen Bachelor zu verwandeln: Sie haben einfach ein neues Etikett auf ihre vollen
Studienprogramme geklebt: Bachelor.

Und auch die Studenten tragen nicht wenig Verantwortung. Es stimmt, dass
sie es sind, welche die verkorksten und verschulten Studiengänge
ausbaden müssen. Sie sind es, die wegen der völlig überfrachteten
Lernprogramme keine Kraft mehr für Nebenjobs haben, ja die meisten
finden nicht mal mehr die Zeit, um für ein Semester im Ausland zu
studieren - die fatalste Folge der Bachelorreform.

Dennoch sind es die Studierenden, die die Mitarbeit in den
Reformkommissionen einfach verschlafen haben. Die meisten wissen ja
nicht einmal, dass es für sie reservierte Plätze für die Mitsprache in
den Hochschulen gibt. Studentenpolitik ist unsexy für die Generation
Bachelor. Die mikrobisch niedrigen Wahlbeteiligungen an den Hochschulen zeigen das überdeutlich.

Das ist vielleicht die bitterste Erkenntnis des derzeitigen Bildungsstreiks: Die Studenten sind bewusstlose Bürgerkinder.

Sie haben das Privileg einer Minderheit, an die Hochschulen zu dürfen. Aber sie interessieren sich nicht dafür, dass andere dieses Privileg nicht haben.
Und sie wissen nicht, dass und wie sie an den Hochschulen mitreden dürfen.

Wie kommt man heraus aus der Misere? Wenn die Studentenstreiks des
Sommers Sinn machen sollen, dann ist es nötig, jetzt zu handeln. Es
müssen runde Tische an den Hochschulen eingerichtet werden. An denen
müssen sitzen: Professoren und Studenten - und Moderatoren, die
aufpassen, dass diesmal gute Bachelor herauskommen.

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