24.02.2011
16:45

Undemokratie der deutschen Schule

Deutschland hat eine zutiefst undemokratische Schultradition. Sie ist auch heute, im 21. Jahrhundert, noch nicht überwunden. Den Schulen fehlt zumeist eine echte innere Demokratie. Zudem werden private, also Schulen der Gesellschaft stark benachteiligt. Vor allem aber teilt das Land seine Kinder bereits mit zehn Jahren in Gewinner und Verlierer.

Das bedeutet, es erschafft durch die Schule Bürger erster und zweiter Klasse. Es gibt Schichten, die von besser ausgebildeten Lehrern mehr lernen und für andere Berufe vorgesehen sind als andere Schichten. Das ist für eine demokratische Gesellschaft untragbar. 

Alle Versuche, die preußische Schichtenschule zu überwinden, sind fehlgeschlagen. Es gelang nicht 1848, bei der ersten bürgerlichen Revolution gegen die kleindeutschen Monarchien, es schlug nach dem 1. Weltkrieg fehl, als man sich nur mühsam auf eine rudimentäre vierjährige Grundschule für alle einigen konnte. Und es scheiterte schließlich auch 1948 und 1968, als zunächst die Alliierten eine demokratische Schule erzwingen und später eine gesellschaftliche Bewegung eine solche Schule erreichen wollte.

Deutschlands Schüler werden noch im Jahr 2011 in Bürger mit mehr oder weniger Rechten aufgeteilt – durch die Struktur der staatlichen Schule. Und die Kultusminister rebellieren nicht etwa gegen diese Untertanenschule, sie verteidigen sie mit Klauen und Zähnen.

Deutsche Selbstverständlichkeit

Niemand fordert sie daher zum Rücktritt auf. Die undemokratische Schule ist eine deutsche Selbstverständlichkeit. 

Die Entdemokratisierung der Schulen beginnt paradoxerweise mit einem Akt der Demokratisierung Mitte des 18. Jahrhunderts. Friedrich II nimmt den Kirchen den Betrieb und die Aufsicht über die Schulen weg und führt eine allgemeine Schulpflicht ein. Aber der preußische König erzeugt damit nicht eine Bildung für alle, sondern er bürokratisierte die Schulen – und teilt sie in oben und unten.

Zweiklassengesellschaft

Die allgemeine Schulpflicht war von Anfang an eine Zweiklassengesellschaft. In den Volksschulen hatten die Untertanen eine strenge Lektion vor sich. Sie sollten, so formuliert es Preußenkönig Friedrich II., lediglich „bisgen lesen und schreiben lernen, wissen sie aber zu viel, so laufen sie in die Städte und wollen Secretairs und wo was werden“. Damit waren die Lernprinzipien der preußischen einfachen Schule gut beschrieben: viel Gottessfurcht und eine gute Portion Unterwürfigkeit. Schreiben wird eher nebenbei gelernt.

Die dünne Oberschicht hätte ihre Kinder niemals auf solche Schulen für das (gemeine) Volk geschickt, in der zu Preußens Zeiten bis zu 80 Kinder in die Klassen gepfercht wurden und das wichtigste Lernmittel der Rohrstock war. Die Kinder der Oberschicht erhielten die höheren Weihen in speziellen Eliteschulen, den Gymnasien, zu denen in Preußen selbst zu Zeiten der Industrialisierung nur ein Prozent der Bürger zugelassen waren, in den Landshculen lernten zwei Drittel der Kinder.

Hauptschule Gymnasium

Inzwischen sind die Proportionen selbstverständlich ganz andere. In den meisten Bundesländern ist das Gymnasium zur Hauptschule der Nation mit einem Anteil knapp der Hälfte der Schüler geworden. Die instutionelle und mentalitätsmäßige Zweiteilung aber ist geblieben. Noch immer aber betrachtet ein gehobenes Bürgertum Gymnasien als ausschließlich für ihresgleichen reserviert. Der Weg zum Studium führt immer noch über diese Schulen, alle anderen Wege sind geduldete, aber nicht gewollte Ausnahmen.

Warum ist das so? Das Bürgertum wurde politisch mit dem Gymnasium stillgestellt. Diese Schule bot exklusiv den Kindern des Bürgertums begrenzten Aufstieg in die oberen Zehntausend. Das allgemeine Streben nach einer demokratischen Gesellschaft, also einer Repubkik, in der die Bürger der Souverän sind, wurde so unwirksam gemacht. (ausgerottet, getilgt, aus dem Bewusstsein gestrichen.) Kurz gesagt gab es damals folgenden Deal:

Die Monarchie sagte dem Bürgertum, wenn ihr still haltet und keine politische Revolution macht, dann bekommt ihr eine Schule nur für euch und eure Kinder. Wir halten gemeinsam den Pöbel in Schach. Wenn der Staat heute, beinahe 200 Jahre später, diesen Pakt mit dem Bürgertum bricht (wie etwa in Hamburg geschehen, wo das Gymnasium radikal verkürzt und geöffnet werden sollte), dann geht das Bürgertum zurück zum Status ex ante: Es macht Revolution, freilich mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts, also dem Volksentscheid.

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