10.04.2011
10:29

Lehrer sind undemokratisch (die meisten)

Oder: Thomas Mann war ehrlicher

Wieso Lehrer sich in Schulfragen undemokratisch verhalten

Anlass für diesen Eintrag sind die jüngsten Äußerungen eines sonst so klugen Twitterers wie @BlessTheTeacher. Sie geben Anlass zu größter Sorge: der demokratische Grund der Schule wankt.

[Der nachfolgende Eintrag ist wenige Stunden alt - und die Reaktionen darauf sind bezeichnend. Die Lehrer reagieren wieder, wie sie es immer tun: Wir sind es nicht gewesen, man muss uns doch verstehen, was sind das für gemeine Anwürfe! Ich rate allen Lehrern die Lektüre Thomas Manns Betrachtungen eines Unpolitischen aus den 1910er Jahren an. Mann sagte wenigstens offen, dass er nicht Politik und Demokratie wollte, sondern Anstand, Ordnung und Tugend. Er gab zu, dass er Politik und Demokratie "für etwas Undeutsches, Widerdeutsches" hielt. Mann nahm seine ästhetischen Verirrungen später zurück angesichts des demokratischen Supergaus in Deutschland. Die Äußerungen der Lehrer heute - Sind denn Amerikas Schulen demokratisch? Soll das eine Satire sein? - deuten auf etwas anderes hin: Sie sind nicht demokratisch gesinnt - und sie wissen es noch nicht einmal! Bewusstlos unpolitisch. Sie akzeptieren das zutiefst undemokratische gegliederte Schulsystem als Sachzwang - und reflektieren nicht, was daran das Problem sein könnte. - Glücklicherweise zeigen Kommentare wie der von @Damianduchamps, dass es auch anders geht.]

Dümmliche Erklärung

Beginnen wir mit @BlessTheTeacher, der eine absolut nichtssagende und dümmliche Erklärung des Thüringer Lehrerverbandes gleich dreimal über Twitter jagt. Dem Verband passt die ganze Richtung der Schulreform im Land nicht. Thüringen führt als eine neue integrative Schulform die Gemeinschaftsschule ein. Der Verband also hat mit zehn Punkten dagegen mobil gemacht. Darunter befinden sich zwei Punkte, die aufhorchen lassen: „Sichern sie eine vergleichbare Behandlung aller Schulformen.“ Und, noch besser: „Beschränken sie nicht das Recht der Eltern auf freie Schulartwahl.“

"Das Recht auf freie Schulartwahl", so fragt man sich. Was ist das? Wo steht das? Wozu soll das gut sein? Genau, nach ein bisschen Nachdenken kommt man drauf. Dieses Recht gibt es nicht, es ist ein frei erfundenes Recht eines Lehrerverbandes, der nur ein Ziel hat: Rührt die Schulformen in Thüringen nicht an! Nun sollte man die in Deutschland gewachsenen in der Tat nicht überstürzt verändern. Nur muss man festhalten dürfen, was seit 1848 ein verletzender Dorn im Auge von Demokraten ist:

Eine Schule, die Kinder im Alter von zehn Jahren nach Leistung auf verschiedene Schulformen verteilt, ist keine demokratische Schule.

Ganz im Gegenteil, sie spaltet ihre Bürger früh in Kinder, die mehr und besser lernen dürfen und solche, die auf Abstellgleise kommen. Auch wenn man das nicht von heute auf morgen ändern kann, so bleibt es doch unerträglich für einen republikanisch gesinnten Bürger. Und es widerspricht übrigens auch empfindlich den Grundwerten unserer Verfassung, Artikel 2 und 3 werden durch so eine Schulstruktur ad absurdum geführt.

Nun aber kommt @BlessTheTeacher ins Spiel. Er ist ein eifriger Twitterer und er zwitschert eine progressive Lerngeschichte nach der anderen durch die Gegend. Nur, an dieser Stelle regrediert Bless, denn er nennt den Punkt „freie Schulartwahl“ einen wichtigen Punkt und er fragt hinterher sogar noch verwundert, wieso der denn gegen die Verfassung verstoße.

Affront gegen demokratischen Gedanken

Das ist das Bild, und es ist nichts weniger als verheerend: Ein Lehrer, der gewiss ein Meinungsführer und denkender Zeitgenosse ist, kapiert nicht, wieso eine gegliederte Schule ein Affront gegen den demokratischen Gedanken ist, dass alle Bürger gleiche Rechte vor dem Gesetz haben.

Wie Bless denken ganz viele Lehrer. Sie sind es gewohnt, Kinder zu Bürgern erster, zweiter und dritter Klasse zu erziehen (also in Gymnasium, Realschule und Hauptschule), sie haben sogar eine eigene Underdogschule für tatsächlich und angeblich Behinderte hingenommen – und sie haben sich in diesem Zustand eingerichtet, sie fühlen sich darin wohl.

Lehrer akzeptieren Schulen erster, zweiter und dritter Klasse

Wenn man sie darauf hinweist, dass das undemokratisch ist, dann kommen sie mit Sachzwängen, eigenen Erfahrungen, Kindern, die angeblich nicht lernern wollen. Das muss man festhalten: Die Gruppe, die unsere Kinder in die Demokratie erziehen soll, glaubt fest daran, dass es schichtspezifische Intelligenz- und Lernunterschiede gibt, die der Staat mit Einrichtung verschiedener Schulformen bedienen muss.

Was heißt das? Die meisten deutschen Lehrer sind im Grundsatz undemokratisch. Was folgt daraus? Es braucht meines Erachtens einen neuen Radikalenerlass, diesmal einen demokratischen.

Lehrer, die einen gegliederte Schule anerkennen oder sogar anbeten, müssen sich einen neuen Job suchen. Wir lassen auch keine Päderasten, Nazis, Kommunisten etc. auf unsere Kinder los.

Warum sollten wir sie von undemokratischen Lehrern indoktrinieren lassen? Ohne demokratische re-education für die Lehrer geht es nicht weiter.

Lucius D. Clay: Gesamtschule mit Waffengewalt

P.S. Wer mich für durchgeknallt hält, dem empfehle ich die Briefe und Berichte des US-amerikanischen Oberbefehlshabers, General Lucius D. Clay, zu lesen, die er nach 1945 nach Washington sandte. Er wusste, dass die gegliederte Schule großen Anteil daran hatte, dass sich Deutschlands Bürger nicht gegen den Faschismus wehrten. Und er betete beinahe, dass das deutsche Volk selbst eine demokratische comprehensive school einrichten möge, ja er spielte für einen Moment sogar mit dem, Gedanken, die Gesamtschule militärisch durchzusetzen. Leider, muss man sagen, leider hat er es nicht getan.

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