07.05.2011
14:29

Eltern vertuschen noch heute - und die Schule hilft dabei

Oso - Dauergefahr, Dauerschweigen

Am Sonntag sehen wir beim Dok.Fest in München alle Christoph Röhls Doku-Film "Und wir sind nicht die einzigen" über den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule. Es gibt inwzischen gefühlte 10.000 Artikel darüber, mein Buch "Sündenfall", bald weitere Bücher, und doch bin ich überzeugt, dass dieser Film die Öffentlichkeit treffen wird wie kein anderes mediales Stück zuvor.

Ungefiltert

Was macht den Unterschied? Es sind die faszinierenden Menschen, die mit einem unerwarteten Mut Dinge erzählen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Das ist es, was alle Berichterstatter von Jörg Schindler (FR) über Volker Zastrow (FAZ) bis zu Tanjev Schultz (SZ), der morgen moderieren wir, mitgerissen und tief bewegt hat. Zu sehen, welches Verbrechen die Odenwaldschule an Menschen zugelassen hat, die so famos, so mutig, so klug, so traurig sind. Jetzt aber sind es nicht mehr nur die Berichterstatter, die sehen, es sind alle, die nun ungefiltert ohne dazwischengeschaltete Reporter erleben dürfen, wie die Betroffenen die Szenen damals erlebt haben.

Skrupellose Eltern

Ich denke, dieser Film wird die letzten Mauern des Schweigens einreißen, und das ist leider auch nötig. Wer die peinliche und skrupellose Debatte unter Eltern heutiger Odenwaldschüler verfolgt, der muss sich freuen, dass nun definitiv Schluss sein wird mit Leugnen, Schweigen und Vertuschen. Die Eltern haben dieser Tage nochmals darüber sinniert, ob sie den Film ankündigen oder skandalisieren sollen. Und einige haben sofort wieder damit angefangen: Die Werbung für Röhls Film sei unfair, sie klage an, sie überzeichne und proviziere.

"Warum sollten wir Eltern denn für diese Veranstaltungen werben... die ja auch wieder viel Polemik enthalten", fragt eine Mutter. 

Man reibt sich die Augen: Ein absolut neutraler Text ist es, mit dem Christoph seinen Film ankündigt. Und man fragt sich: Wes Geistes Kind müssen Eltern sein, die fortgesetzt die Opfer denunzieren, die Verbrechen Gerold Beckers und seiner Komplizen decken und entschuldigen? Und: die Verantwortung der Odenwaldschule heute vom Tisch wischen wollen? Ich habe mir erlaubt, eine Elternvertreterin anzurufen und zu fragen, wo das Problem der Einladung sei. Und es war wie im ganzen letzten Jahr meiner Rechereche: Man wird beschimpft, man muss sich Dummheiten und freche Ausflüchte anhören. Und man fragt sich, nachdme man aufgelegt hat: Wer ist hier eigentlich der Täter, Gerold Becker und seine Adepten - oder der Reporter?

Ich finde diese Eltern verantwortungslos. Ich habe bislang nichts gehört von aktiven Eltern, die die erste Frage gestellt haben, die man nach Aufdeckung an der OSO hätten stellen müssen: Was bedeutet das für die Odenwaldschule heute, was für mein Kind?

  • Wer diese Frage nicht stellt;
  • wer nicht wissen will, wie eine Gruppe von Päderasten die Superschule im Hambachtal erobern konnte;
  • wie Pädosexuelle 9- bis 11jährige Jungen für sexuellen Dienstleistungen geradezu abrichten;
  • welches Geflecht an Gewalt und Lüge an einer Schule errrichtet werden muss, um dies alles möglich zu machen;
  • wer dies alles nicht tut, hat kein Recht am demokratischen Diskurs über gute Schule teil zu haben.

Die Schule spielt mit

Die Schule spielt das ekelhafte Spiel übrigens mit. Kommendes Wochenende will die Oso im Steigenberger Schüler akquirieren. Das sei ihr unbenommen. Die Art des Vorgehens ist absolut grotesk: Die Oso dreht die Tatsachen um - und erklärt sich frech zur Vorbildschule für die Aufklärung sexueller Gewalt: Daei gibt es innerhalb der Schule so gut wie keine Bereitschaft, sich mit den strukturellen Ursachen der päderastischen Überwältigung auseinanderzusetzen.

Im O-Ton der Schule sieht es so aus: 

"2010 waren die Ausmaße von Missbrauchsfällen in der Vergangenheit der Odenwaldschule bekannt geworden und hatten große Erschütterung ausgelöst. Die Odenwaldschule ist offensiv wie keine andere von Missbrauch betroffene Institution mit den Erkenntnissen umgegangen und  hat sich neu aufgestellt. Die Teilnahme der Odenwaldschule in einer Arbeitsgruppe des von der Bundesregierung eingerichteten Runden Tisches gegen Kindesmissbrauch ist ein Schritt in Richtung auf ihr Ziel, beispielhaft für die Stärkung von Jugendlichen und die Prävention von Missbrauch zu werden."

Die Wahrheit ist diese: An der Schule arbeiten noch heute Komplizen, Mitwisser und Profiteure des Missbrauchssystem. Ihr Taktik ist die von Hentig: Aussitzen! Abwarten, dann weiter machen. 

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