21.06.2009
01:14

Humboldt lebt/ist tot

Streit in der ZEIT: Humboldt lebt! Nein, lasst ihn endlich sterben!

Viele Seiten lang widmet sich DIE ZEIT durchaus liebevoll jener Schulform, die ihr die wichtigste ist: Dem Gymnasium. Kein Wunder, gäbe es doch ohne die Penne entschieden weniger Zeitleser. Freilich entpuppt sich die Verehrung des Gymnasiums und seines vermeintlichen Erfinders Wilhelm von Humboldt als veritable Schlacht zwischem dem Feuilletonisten Ulrich Greiner und dem Berliner Bildungskorrespondenten der Zeit Martin Spiewak.

Greiner geht, wie so viele, schmachtend in die Knie vor Humboldt. Spiewak sehnt sich - knochentrocken, wie üblich -, dass man ihn endlich in Frieden ruhen

"Traditionen bleiben nicht unangefochten - nicht in Deutschland"

"Traditionsbestände bleiben selten unangefochten, schon gar nicht in Deutschland" - allein für diesen Satz hätte Giovanni di Lorenzo seinem Kulturredakteur Greiner die Schreibmaschine sperren sollen. Wann wäre denn in Deutschland Furor und Revolution ausgebrochen? Hatte ich noch gar nicht bemerkt. Greiner bezieht das ausgerechnet aufs jeder Reform trotzende Gymnasium. Klar, dass er dann im Artikel seine eigene Behauptung verspottend fortfahren muss, die Penne sei am beliebtesten und unangefochten. Logik ist Greiners Sache nicht. 

Also, Greiner: pädagogische Funktionäre hätten die Penne von jeher auf dem Kieker. Vergehen: Relikt aus dem 19. Jahrhundert. Tja, wo se Recht ham, hamse Recht. Was das Gymnasium wirklich taugt, ist höchst umstritten. Wahrscheinlich ist es didaktisch die schlechteste deutsche Schule

"Und doch ist es keine Schule der Unterschicht, naturgemäß."

"Und doch ist es keine Schule der Unterschicht, naturgemäß." Diesen Greiner-Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Man merkt erst nach einer Weile, wie bitter er ist. Die Unterschichtler, das meint Greiner wohl, sind einfach zu stulle fürs Gymnasium.

Kein Wunder, schließlich hatte Willy Humboldt, obwohl er (Greiner) "lediglich anderthalb Jahre die preußische Sektion für Kultus und Unterricht anführte, die lang nachwirkende, legendär gewordene Humboldt´sche Bildungsreform eingeleitet." Nein, kann passieren, Ulrich Greiner. Viele - wieso nicht auch Sie - wähnen Humbo als den Superduper-Übervater insbesondere des Gymnasiums. Nun, das mit der "allgemeinen Menschenbildung" kommt von Humboldt  gar keine Frage. Ob er aber die Penne so hatte haben wollen? Oder ob er lieber eine Einheitsschule wollte? - Man weiß es nicht.

Humboldt - ein Verwaltungshalodri

Es gibt ein paar deftige Sätze von Humbo für eine Schule für alle und gegen die Elitenbildung. Freilich: Humboldt war nicht umsonst nur anderthalb Jahre da. Für einen preußischen Beamten reicht das nicht, eher für einen Verwaltungshalodri, der mal die Nassauische Denkschrift verzapfte - aber nie an deren Umsetzung wirklich mithalf.  

Schön kann das Ulrich Greiner in seiner eigenen Zeitung nachlesen - er muss nur ein paar Seiten vorblättern, wo Martin Spiewak den Säulenheiligen der deutschen Professoren in die Kiste stürzt. Humboldts berühmte Denkschrift Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin erschien beinahe 100 Jahre nach der stets mit preußischem Pathos überhöhten Gründung der Humboldt´schen Universität. 

Dass Spiewak Humboldt beinahe gänzlich jeden operativen Ruhm und Ehre abspricht, ist hart, aber durchaus verstehbar. Er unterschätzt aber sicher den spirit, der von Humboldt ausging - und der operative Auswirkungen hat. Die schlimmste ist, dass Leute wie Greiner aus der persönlichkeitsfördernden, zweckfreien Idee von Bildung stets ableiten, dass Humboldts höhere Bildung für die unteren Schichten nichts sei. 

Der ideologische Kit des deutschen Kastenwesens

Das Gymnasium ist "keine Schule der Unterschicht, naturgemäß", sagt  Greiner. Das will wohl sagen: dafür - Räsonnieren, zweckfrei einer Sache nachforschen, sich bilden an Wissenschaft - sind die Assis eben einfach zu blöd. Das ist der ideologische Kit des Kastenwesens der deutschen Schule: Die da unten sind für das da oben zu doof. Ein Dünkel, der im 21. Jahrhundert nichts verloren haben darf: Aus Gründen der Menschenwürde, aus demokratischen und ökonomischen Erwägungen heraus. 

Leute wie Greiner pflegen diesen Dünkel. Exekutiert im täglichen Geschäft wird er von Gymnasiallobbyisten wie Heinz-Peter Meidinger oder Josef Kraus, von Elternbossen wie Walter Scheuerl (Hamburg) oder André Schindler. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

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